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MVB 101: J.-M. Leclair: „Deuxième récréation de musique“, op. VIII
für Blockflöten-Quartett (AATB)

In seiner Stellung als „Ordinaire de la musique du roi“ am Hofe Ludwigs XV sammelte Jean-Marie Leclair vielfältige Erfahrungen als gefeierter Violinvirtuose bei den „Concerts Spirituel“, die er in seinen Kompositionen umsetzte. Es gelang ihm hervorragend, die französischen und italienischen Stilrichtungen geschickt zu vereinigen.

Seine „Deuxième récréation de musique, op. VIII“, eine Suite mit 7 umfangreichen Sätzen, zählt sicher zu den bedeutenden und zu den schönsten Kompositionen des Barock. Dabei verleiht Leclair jeder Stimme Ausdruckskraft ohne leere Virtuosität. Diese fantastische Suite wird für jedes fortgeschrittene Blockflöten-Quartett ganz sicher zu den Lieblingsstücken zählen - versprochen!


Zu der „Deuxième récréation de musique“, op. VIII gibt es die Musikalische Geschichte „Wellness barocker Musik“, in der sämtliche Sätze des Bandes zu einer Gesamtaufführung von Text und Musik (ca. 45 Minuten) vereint sind.

Der Text für den Erzähler von „Wellness barocker Musik“ steht bereit zum freien Download
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Inhalt
1. Ouvertüre
2. Forlane
3. Sarabande
4. Menuet
5. Badinage
6. Chaconne
7. Tambourin
Nachwort
Jean-Marie Leclair wurde am 10. Mai 1697 in Lyon geboren. Mehrere seiner Geschwister wurden Musiker; insbesondere konnte sich auch sein jüngerer Bruder Jean-Marie «le cadet» (der Junior) als Komponist einen Namen machen.

Vermutlich zunächst bei seinem Vater Antoine Leclair erlernte Jean-Marie «l’aîné» (der ältere) das Violinspiel. Seine berufliche Laufbahn jedoch begann er in Lyon als Tänzer und Ballettmeister. Mit 19 Jahren heiratete er Marie-Rose Casthanie, ebenfalls eine Tänzerin an der Lyoner Oper. Ab 1722 arbeitete er als Ballettmeister an der Turiner Oper, wo sein späterer Lehrer, der Komponist und Geiger Giovanni Battista Somis, ein Schüler Arcangelo Corellis, wirkte. Noch in Turin konnte Leclair sich in der Komposition weiter bilden und seine Fähigkeiten im Violinspiel so weit vervollkommnen, dass er schon ab 1728 in Frankreich als Violinlehrer lebte. Noch im Jahr 1728 durfte er in einem der renommierten „Concerts Spirituel“ im Tuilerien-Palast in Paris auftreten, eine höchste musikalische Anerkennung, mit der eine mehrjährige glanzvolle Laufbahn als gefeierter Violinvirtuose begann. Nach dem Tode seiner ersten Frau heiratete Leclair erneut. Seine zweite Frau war Notenstecherin. Mit ihr hatte Leclair eine Tochter, die ebenfalls das Notenstecherhandwerk erlernte, und die seine weiteren Kompositionen stach. Von 1734 bis 1737 war Leclair „Ordinaire de la musique du roi“ am Hofe Ludwigs XV und gab zahlreiche öffentliche Konzerte bei den „Concerts Spirituel“. Sein op. VIII „Deuxième Récréation de musique“ erschien 1737 - kurz bevor er wegen der fortwährenden Streitigkeiten mit seinem Rivalen Jean-Pierre Guignon (1702-1774) das königliche Orchester wütend verließ. Einige Jahre lebte Leclair in den Niederlanden, wo er den berühmten Pietro Antonio Locatelli (1695-1764) kennen lernte und mit ihm zusammen arbeitete. 1743 kehrte er wieder nach Paris zurück, lebte hier fortan als Geiger, Komponist und Lehrer. Über seine letzten Lebensjahre ist nicht viel bekannt. Offenbar wurde er seltsam und undurchsichtig; seine Frau trennte sich von ihm. Am 22. Oktober 1764 fiel Leclair in Paris einem Gewaltverbrechen zum Opfer.

Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Jean-Marie Leclair 13 umfangreiche Werke, in denen er geschickt die französischen und italienischen Stilrichtungen vereinigte. Seine „Deuxième Récréation de musique d’une exécution facile composée pour deux flûtes ou deux violons et la Basse Continue“ erhielt ihrer Bedeutung und Umfang entsprechend eine eigene Opuszahl.

Auf der Titelseite findet sich die Angabe „Gravée par son Epouse“ (gestochen von seiner Frau). Dem Titel folgt ein „Avertissement / Ce petit ouvrage ne peut être bien rendu que d’autant que les personnes qui l’Executeront seront suceptible de gout, de finesse dans le jeu, et de precision pour la mesure.“ Leclair bezieht sich mit diesem Hinweis, dieses kleine Werk klänge so gut, wie es der musikalische Geschmack der ausführenden Spieler ermögliche, auf den damals herrschenden französischen Musikgeschmack, den „Goût“, dessen Kenntnis unerlässlich ist für die Aufführung französischer Musik.

François Couperin schreibt 1716 in seiner Schule des Cembalospiels „L’Art de toucher le clavecin“ (Paris 1716): „Ich denke, es gibt in unserer Musiknotation Fehler, die auf unsere Art zurückzuführen sind, in der wir unsere Sprache aufzeichnen: wir schreiben nämlich anders als wir ausführen. Daher spielen auch die Ausländer unsere Musik weniger gut als wir die ihre.“ (Il y a selon moi dans notre façon d’écrire la musique, des défauts qui se rapportent à la manière d’écrire notre langue. C’est que nous écrivons différemment de ce que nous exécutons, ce qui fait que les étrangers jouent notre musique moins bien que nous ne faisons la leur.) Couperin nimmt hier Bezug auf die rhythmische Ausführung der französischen Musik, speziell auf das Spielen der „Notes inégales“ bei den schnellen Werten eines Satzes.

Ausführlich beschreibt auch Hotteterre in seiner Flötenschule „Principes de la Flute Traversiere, ou Flute D’Allemagne. De la Flute a Bec, ou Flute Douce, et du Haut-Bois“ (Amsterdam 1728) für jede Taktart die inégal zu spielenden Notenwerte, so dass man die allgemeine Anweisung folgern kann, der jeweils kleinste Notenwert einer Taktart ist inégal, d.h. pointiert - also leicht punktiert - zu spielen. Für die Ausführung bietet Hotteterre die Doppelzunge „tu-ru“ an, wobei die Ausführung des „r“ sicher wie bei einem einfaches „Zungenspitzen-r“ erfolgt - ähnlich der Zungenbewegung bei einem ganz leicht und flüchtig angestoßenen „d“.

Werden vom Komponisten nicht ausdrücklich „Notes égales“ verlangt, zuweilen auch durch das Anbringen von Bögen über jeweils zwei Noten - wie z.B. in der „Badinage“ der vorliegenden Komposition, so sind die schnellen Werte stets, nach Charakter des Satzes mehr oder weniger, pointiert zu spielen. Die hierdurch entstehende jambische Deklamation ist damit die vorherrschende Ausführung der französischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts.

Die originale Komposition „pour deux flûtes ou deux violons et la Basse Continue“, also für zwei (Travers)flöten oder Violinen und B.c. steht in g-moll. Unsere Ausgabe für Blockflöten wurde um eine Quart nach oben, nach c-moll transponiert. Die Stimmen der beiden Flöten und des Basses konnten ohne nennenswerte Veränderungen übernommen werden. Eine mögliche Aussetzung des Basses ergab die dritte Stimme für Tenorblockflöte. Angaben zur Artikulation sind original, Zusätze sind als solche gekennzeichnet.
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